Eine „fromme Helene“ ist sie wahrlich nicht, Autorenschreck Helene Hegemann, die sich anscheinend im Internet bedient, wo es Ihr gefällt. Erinnert sie dann doch mehr an „Max und Moritz“, deren Ende als moralisches Lehrstück gewiss seine Wirkung in damaligen Zeiten nicht verfehlte. Ihr verquerer Roman „Axolotl Roadkill“ steht auch nicht in der Tradition des klassischen Entwicklungsromans, belehrt nicht ständig neunmalklug und lässt in den Protagonisten nach und nach in die Welt der Erwachsenen eintreten, wie weiland Gottfried Keller seinen „Grünen Heinrich“. Für die 16jährige Mifti scheint es keine Jugend zu geben – sie scheint direkt aus einer nörgeligen Mädchenpubertät in das Adoleszenz-Konsumzeitalter unseres neuen Jahrtausends gebeamt worden zu sein. Großmäulig und flapsig sind die oft viel zu langen Dialoge, die mehr monologisierend daherkommen und eine Auseinandersetzung mit anderen Generationen gar nicht zulassen – soweit ist also alles normal.
Genau wie Holden Caulfield im „Fänger im Roggen“ weiß Mifti auch bereits schon alles über die Welt, hat die Hoffnung aufgegeben, sich noch einmal ändern zu können und kann die Welt deshalb trotzdem nicht verstehen. Unterschied zwischen den beiden Charakteren ist, dass Holden Caulfield im Vergleich zu der abgebufft wirkenden Mifti wahrlich unschuldig ist, während Helene Hegemann verbal vor kaum etwas Halt macht. Da haben sich die Zeiten eben doch geändert, die Sprache hat neue Begriffe und Synonyme für die Jugendrevolution entwickelt, eingebunden in einen Kosmos, der für ältere Leser grauslich und unverständlich sein dürfte.
Eines muss man dem Buch mit seiner bedrückenden Faszination auf jeden Fall zugutehalten: es scheint ein repräsentativer Querschnitt durch moderne Jugendkultur und probierte Auflehnung zu sein, egal ob abgekupfert oder nachgeplappert oder per Drag’n Drop einfach kopiert – letztlich haben sie alle eines gemeinsam, ob Fänger im Roggen, Grüner Heinrich oder Helene Hegemann – sie wollen liebgehabt werden.
